Unerwünschte Störungen

 

In der Bibliothek geschahen seltsame Dinge. Hugo von Grabenstein hasste seltsame Dinge! Es gab so viel zu tun und alle außergewöhnlichen Vor­kommnisse bedeuteten nichts anderes als Ver­zög­erungen, Aufschub und die Nichteinhaltung von Fris­ten. Hugo hasste es, wenn er seine Fristen nicht einhalten konnte! Bereits jetzt stapelten sich auf seinem kleinen Schreibtisch zwischen den knor­peligen Wurzeln des großen Baumes die nur halb beschriebenen Blätter und unfertigen Bücher mehr­er­e Meter hoch. Nein! So konnte und so durfte es einfach nicht weitergehen!

Vor Wut schnaubend setzte Hugo sich wieder zurück an seinen Platz und warf zähneknirschend einen neidischen Blick hinüber zu dem Tisch seines unmittelbaren Nachbarn und heimlichen Erzrivalen Theodor von Krummholz. Er konnte es nicht fassen! Obwohl der bereits völlig tattrige Theodor geschla­gene zweihundert Jahre älter war als er selbst und im Gegensatz zu ihm noch immer einen alt­mo­dischen Griffel anstatt einer fortschrittlichen Schreib­maschine verwendete, lag er auch an diesem Tag – wie leider so oft – eindeutig in Führung. Und das alles nur wegen dieser verfluchten Störungen, von denen der fast vollkommen taube und schon bei­nahe halb blinde Theodor natürlich vollkommen verschont blieb! Ach, wie sehr sehnte Hugo sich in diesem Moment doch danach, ebenso taub zu sein wie Theodor! Bei seiner einzigen Lebensaufgabe, dem Schreiben, waren seine spitzen Ohren – so klein sie auch sein mochten – doch sowieso nichts weiter als ein elendiges Hindernis!

Aber es half alles nichts. Hugo wusste, dass er sich in den nächsten Stunden nicht einmal die aller­kleinste Pause gönnen durfte, wenn er auch nur davon träumen wollte, seinen Rückstand aufzu­holen. Sofort begannen seine kleinen dicken Finger erneut unermüdlich und mit der gewohnten Prä­zision über die Tasten seiner treuen Schreib­maschine zu fliegen. Minute um Minute füllte sich abermals eine Seite nach der anderen und allmählich war Hugo wieder halbwegs zufrieden mit seiner Leistung. Viel­leicht, ja vielleicht hatte er tatsächlich doch noch eine winzig kleine Chance, Theodor – diesen überheblichen alten Fatzken – wieder ein­zuholen. Genau! Er würde ihm schon zeigen, wer von ihnen hier unten zwischen den Wurzeln der Fleißigste von allen war!

»Geronimo!«, erschallte es urplötzlich – und seltsam kratzig – weit über Hugos Kopf. Sofort verfehlte einer seiner Finger die angepeilte Taste. Womit hatte er das nur verdient?! Jetzt musste er auch noch die­sen verfluchten Fehler korrigieren! Missmutig blick­te Hugo in die Höhe und richtete, verwundert über den merkwürdigen Anblick, der sich ihm dort bot, den Sitz seiner dicken runden Brillengläser.

Viele Meter über ihm, mitten zwischen den gewaltigen Ästen des großen Baumes, herrschte eine schreckliche Aufregung! Hugo sah ein gewaltiges schneeweißes Wesen mit großen schwarzen Hörnern und weit ausgebreiteten Schwingen, das von einer ungemein riesigen Horde schrecklich zerlumpter Gestalten verfolgt wurde, während es gleichzeitig auf einen dichten Schwarm garstiger kleiner Vögel zusteuerte. Alle diese Kreaturen waren Hugo zwar nur allzu gut bekannt – hier im Inneren der Bib­liothek hatten sie sich allerdings schon seit einer wahren Ewigkeit nicht mehr blicken lassen. Wen er für seinen Geschmack in letzter Zeit hingegen bereits ein Mal zu oft gesehen hatte, waren die zwei seltsamen Männer, die jetzt auf dem Rücken des ge­hörnten Wesens saßen und sich tief vorn­über­gebeugt in dessen Gefieder festkrallten.

Der vordere der beiden – eine geradezu grotesk dürre Figur mit knallroten Haaren und einem gro­ßen schwarzen Zylinder – schien an dem wilden Ritt ganz offensichtlich sein helles Vergnügen zu haben. Der hintere jedoch – ein glatzköpfiger Mann mit Vollbart, der in einem schmuddeligen grauen Anzug steckte – schaute in eben diesem Moment ängstlich zu Hugo herab. Ja, für den Bruchteil einer Sekunde schien es sogar so, als sähe er ihm direkt in die Au­gen. Dann aber waren die beiden einfach spurlos verschwunden. Ganz so, als hätte es sie überhaupt nie gegeben.

Verwirrt schüttelte Hugo seinen dicken breiten Schädel und blinzelte mit seinen blutunterlaufenen Augen. Was hatte er da eben nur gesehen?

Schon einen Moment später wurde er Zeuge, wie das schneeweiße Wesen gänzlich von dem Vogelschwarm verschluckt wurde, und kurz darauf fielen auch die zerlumpten Gestalten gierig über es her.

Das, was dann folgte, war eine wilde Luftschlacht, die wohl jeden anderen überaus beeindruckt hätte. Nicht so jedoch Hugo. Der rümpfte nur verächtlich seine kleine spitze Nase und wandte sich endlich der Korrektur jenes ver­ab­scheu­ungs­würdigen Tippfehlers zu. Sorgsam drehte er an dem bereits etwas rostigen Rad seiner Schreib­maschine und gemächlich wanderte das eingespannte Blatt Zentimeter für Zentimeter nach oben, sodass er die entsprechende Stelle schließlich leicht erreichen konnte. Vorsichtig schmierte er mithilfe eines schmalen Pinselchens die weiße Flüssigkeit über das falsche Zeichen, spannte das Blatt dann wieder korrekt in die Maschine und fuhr anschließend mit seiner Arbeit fort.

Immer diese verfluchten Ablenkungen! Nun wür­de er es heute ganz bestimmt nicht mehr schaffen, Theodor noch einzuholen!

 

1. Kapitel

 

Die Haustür fiel mit einem leisen Klacken in ihr Schloss. Oskar drehte sich nicht noch ein­mal um, sondern beeilte sich, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Nur weni­ge Schritte benötigte er, um den Vorgarten zu durch­queren, während der eisige Wind lautstark durch die verzweigten Äste der knorri­gen alten Eiche pfiff, auf denen sich bereits die ersten blutjungen Knospen zeigten. Als er auf den Bürger­steig hinaustrat, stürz­te sich der Regen von einem Moment auf den ande­ren mit seiner ganzen Kraft auf ihn und Hunderte kalter Tröpfchen brachen sich unter dem brennen­den Gefühl winzig kleiner Nadelstiche auf seinem Gesicht. Zu seinem Glück trennten ihn jedoch nur noch wenige Meter von der Tür seines Porsche, in dessen schwarzem Lack sich das schwache Licht aus den großen Fenstern des Hauses hinter seinem Rü­cken verzerrt widerspiegelte. In seinem Inneren empfing ihn der wohlige Duft des noch immer brand­neuen Sportwagens und kaum hatte er sich angeschnallt, da strich er mit einer Hand liebevoll über das samtweiche Leder des Lenkrades, betätigte die Zündung und melodisch surrend sprang das Auto an.

Wenig später befand Oskar sich auf der fast völlig leeren Landstraße in Richtung Frankfurt und kaum zwan­zig Minuten darauf lenkte er den Porsche hinab in den dunklen Eingang der Tiefgarage des großen Apartmenthauses. Schließlich betrat er seine Wohnung, hängte sein Sakko an die Garderobe und stellte seine Schuhe sorgfältig an ihren Platz. Dann ging er zu seiner Hausbar und goss sich in einem An­flug von Über­mut viel zu viel Whiskey in ein viel zu kleines Glas.

Während er dieses Glas in seinem großen Lieb­lingssessel austrank, zog an seinem inneren Auge eine ganze Reihe von Erinnerungen an längst ver­gangene Ereignisse vorüber, die ihn an diesen Punkt in seinem Leben geführt hatten: Der Stress seines Studiums, sein erster Tag in der Kanzlei, all die vie­len Überstunden, aber auch die zahlreichen erfolg­reich abgeschlossenen Fälle. Insgesamt sollte er mit sich zufrieden sein, sagte er sich. Sicher, es war nicht immer alles so gelaufen, wie er es sich irgendwann einmal vorgestellt hatte – aber wer konnte das schließlich schon von sich behaupten?

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Die leuchtenden Ziffern im Armaturenbrett des Porsche hatten Oskar mitgeteilt, dass es bereits nach neun Uhr abends war, als er den Wagen einige Zeit früher vor dem Haus zum Stehen gebracht hatte, in dem seine Frau Corinna zusammen mit seiner klei­nen Tochter Amelie wohnte.

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»Du bist spät«, sagte Corinna, als sie die Haustür öffnete und ihren Mann aus müden, rot unter­laufenen Au­gen anblickte. Sie trug eine löchrige Jog­ginghose und ein ausgewaschenes T-Shirt, das vor einigen Jah­ren einmal grün gewesen sein mochte. Zwischen den Fingern ihrer rechten Hand klemmte eine Zigarette, deren Rauch sich in kleinen blauen Spiralen in die Luft empor drehte.

»Du hast wieder angefangen«, bemerkte Oskar. Eigent­lich hatte Corinna sich das Rauchen bereits vor langer Zeit abgewöhnt, als sie schwanger gewor­den war. Bis dahin war es die einzige schlechte An­gewohnheit ge­wesen, die ihn an ihr wirklich gestört hatte. Später waren noch ein paar andere hinzuge­kommen.

Eine Strähne ihrer schulterlangen blonden Haare wehte Corinna in ihr von dünnen Sorgenfältchen durchzo­genes Gesicht. Sie ignorierte sie und zog ge­nervt an ihrer Zigarette. »Es ist kalt. Komm gefälligst rein und kümmere dich um deinen eigenen Kram.« Der Rauch verließ ihren Mund gemeinsam mit ihren trotzigen Worten.

Oskar begab sich in das Innere des kleinen Vor­baus. »Ich hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen«, sagte er, während er sich die Füße abtrat.

»Pah! Hast du das denn nicht immer?«

Es fiel Oskar nicht schwer, diese Spitze zu igno­rieren. Stattdessen streifte er sich, der Macht ei­ner alten Ge­wohnheit gehorch-end, die Schuhe von den Füßen und stellte sie auf den kleinen hölzernen Schuhschrank, der noch immer treu an seinem Platz stand – an der Wand gleich neben der Ein­gangstür.

Corinna schloss die Haustür hinter ihnen. »Amelie hat auf dich gewartet.«

»Ich sagte ja, ich hatte noch etwas zu erledigen«, erwiderte Oskar. »Ein wichtiges Telefonat mit einem Vertre­ter von Tactech hat sich etwas in die Länge gezogen.«

Mit einem leichten Seufzer gab Corinna zu ver­stehen, was sie von Oskars Rechtfertigung hielt. Wort­los ging sie an ihrem Mann vorüber und Oskar folgte ihr in den Flur. Das weiche Gefühl des dicken Teppichs unter seinen Füßen brachte ein ganzes Bündel an Erinnerungen mit sich, doch er schob es abwehrend zur Seite.

»Papa!« Oskars Tochter Amelie stürzte aufge­regt aus der Kücheauf den schmalen Flur hinausund stürmte mit der ganzen ungebän­digten Ener­gie ei­nes Kindes auf ihn zu. Sie steckte in einem pinkfar­benen Schlafan­zug, der von einer ganzen Armee voll­kommen identischer Einhörner verziert wurde. Mit offenen Armen prallte sie an Oskars Hüfte und zog ihren Vater fest an sich. »Da bist du ja endlich!«

»Kleines Fräulein!«, schimpfte Corinna. »Hatte ich dir nicht gesagt, dass du in der Küche warten sollst?!«

»Es tut mir leid, mein Schatz. Ich hatte noch etwas zu tun«, sagte Oskar und strich seiner Tochter liebevoll über den Kopf. Amelie hatte die stroh­blonden Haare ihrer Mutter geerbt. »Außerdem weißt du doch, dass ich nur kurz vorbei gekommen bin, um schnell etwas zu unterschreiben.«

»Nein!« Amelie drückte sich noch etwas fester an ihren Vater. »Mach das nicht! Bitte Papa!«

Oskar hatte nichts anderes erwartet. Seit er vor einigen Monaten ausgezogen war, nutzte seine Toch­ter jede einzelne sich ihr bietende Möglichkeit, ihn darum zu bitten, sich nicht von Corinna schei­den zu lassen. Ame­lie nahm sich die ganze Sache viel zu sehr zu Herzen.

»Aber mein Schatz«, sagte Corinna und trennte ihre Tochter behutsam von Oskar. »Wir haben doch schon so oft über das Ganze gesprochen. Die Sache ist viel komplizierter, als du dir das vorstellst.« Sie führte Amelie vor sich her und Oskar folgte den beiden in die Küche.

Dort angekommen setzte Amelie sich auf einen der Stühle an dem großen Esstisch und verschränkte schmol­lend die Arme. »Nein!«, rief sie. »Die Sache ist ganz einfach! Papa soll das nicht unterschreiben!«

Mit Ausnahme des stinkenden übervollen Asch­enbechers, in dem Corinna jetzt ihre Zigarette ausdrückte, sah die Küche noch immer genauso aus, wie Oskar sie seit Jahren kannte. Mitten auf dem großen Esstisch stand die kleine blaue Blumenvase, die Corinna irgendwann einmal von seiner Mutter zum Geburtstag ge­schenkt bekommen hatte. Auf der Arbeitsplatte gleich neben dem Herd sah er die alte Kaffeemaschine, die sie damals noch vor ihrer Hochzeit als ersten Gegenstand ihrer gemeinsamen Wohnung zusammen ausge­sucht hatten und die Corinna – wie er genau wusste – nur deswegen nie gegen eine neue ausgetauscht hatte. Und auch an der Tür des großen Kühlschrankes hing weiterhin jenes Bild, das Amelie vor gar nicht allzulanger Zeit in der Schule gemalt und mit nach Hause gebracht hatte. Es zeigte die ungelenken Versuche einer kaum Sechsjährigen, ihre Familie zu porträtieren: Oskar in der Mitte – wie er fand etwas unvorteilhaft um die Hüfte herum dargestellt – mit Corinna und Amelie links und rechts an seinen Händen. Darüber stand mit rotem Buntstift in Buchstaben, denen man die ersten unbeholfenen Schreibversuche noch deutlich ansah: Meine Famlie.

»Amelie möchte, dass das dort hängen bleibt«, erklärte Corinna, als sie bemerkte, dass Oskars Blick auf dem Bild ruhte.

Die Worte seiner Frau klangen ein wenig zu gleichgültig in Oskars Ohren. »Dann lass es halt hän­gen«, sagte er und zuckte mit den Schultern. »Warum schließlich auch nicht? Wir sind ja weiter­hin ihre Eltern, oder etwa nicht?«

»Aber wir sind keine Familie mehr!«, rief Amelie.

»Ach was! Blödsinn!« Oskar ging zu seiner Tochter, bückte sich und fasste sie bei den Schultern. »Zwar kann man die Zeit nicht zurückdrehen, aber eins verspreche ich dir hoch und heilig: Ich werde mich immer darum kümmern, dass ihr zwei gut versorgt seid. Du ganz besonders! Und natürlich werden wir uns auch weiter­hin sehen. Aber glaub mir mein Schatz, so ist es wirklich das Beste für alle Beteiligten.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Außerdem kannst du dich bei mir melden, wann immer du möchtest.«

Amelies Blick wanderte hinab auf Oskars Knie. »Ach. Du hast ja eh nie Zeit.«

»Ich bin viel beschäftigt, ja«, gab Oskar zu und richtete sich auf. »Aber nur dank meiner Arbeit kön­nen Mama und du hier in diesem schönen großen Haus leben und…«

»Tu bloß nicht schon wieder so verdammt gön­nerhaft!«, fiel Corinna ihm aufgebracht ins Wort. Ihre Augen funkelten angriffslustig. »Ich arbeite schließ­lich auch, vergiss das gefälligst nicht immer! Außer­dem geht es Amelie um dich, nicht um dein ver­dammtes Geld! Wann verstehst du das endlich? Geld, Geld, Geld, das ist alles, an das du seit Jahren denkst!«

Oskar konnte sich ein hochmütiges Lächeln nicht verkneifen. »Na ja, bei deinem kleinen Lehrergehalt wür­dest du ja wohl auch noch vierzig Jahre lang die Raten für ein Haus wie das hier abstottern.« Er blick­te sich suchend in der Küche um. »Aber lassen wir das. Wo sind jetzt diese Papiere?«

Corinna sah ihren Mann einen Augenblick lang fassungslos an. Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. »Ach, es hat doch sowieso keinen Sinn mehr mit dir. Seitdem du damals diese verdammte Stelle bei Hausmann Meier angenommen hast, hast du dich einfach so sehr verändert, dass ich dich überhaupt nicht mehr wieder erkenne.« Sie seufzte. »Was ist nur damals mit dir passiert?«

»Ich…«, setzte Oskar an.

Doch Corinna winkte ab. »Lass es bloß sein! Ich will das alles wirklich nicht noch einmal hören. Warte hier. Ich hole gleich die Papiere.« Sie drehte sich zu ihrer Tochter herum. »Aber vorher bringe ich dich kleine Dame erstmal auf dein Zimmer. Na los, sag Papa gute Nacht.«

Doch Amelie blieb wie angewurzelt sitzen.

»Hör auf deine Mutter, meine Kleine«, sagte Oskar.

»Aber ich will nicht auf mein Zimmer!« Ein ängst­licher Ausdruck trat in Amelies Augen. »Da, da sind doch die Monster!« 

»Du hast gehört, was ich gesagte habe! Außerdem hast du dafür doch deine Puppe.« Corinnas verärg­erte Stimme zitterte leicht und Oskar erkannte deut­lich, wie seine Frau ihre Tränen zurückhalten muss­te. Warum war sie bloß so verdammt emotional?

Amelie zögerte noch einen Moment. »Na gut«, seufzte sie dann, stand sichtlich widerwillig auf, ging zu Os­kar und legte ihre kleinen Arme um ihn. »Gute Nacht Papa.«

»Gute Nacht mein Schatz«, sagte Oskar und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Stirn. »Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

Während Corinna Amelie daraufhin in ihr Zim­mer im Obergeschoss des Hauses brachte, rang Os­kar mit der Frage, warum sie die Kleine gerade an diesem Abend überhaupt zu ihm gelassen hat­te. Musste Corinna ihr das Ganze wirklich noch schwe­rer machen, als es für sie ohnehin bereits war?

 

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Als Corinna wenige Minuten später in die Küche zurückkehrte, hatte sie sich – so schien es Oskar zumindest – wieder etwas beruhigt. In ihrer Hand hielt sie mehrere aneinander geheftete Blatt Papier. »Amelie nimmt das alles wirklich ganz schön mit, weißt du?«, sagte sie und legte die Blätter auf den Küchen­tisch.

Oskar nickte – ohne den Gedanken jedoch weiter zu verfolgen. »Was war das denn vorhin von wegen Mons­ter?«, fragte er stattdessen.

Corinna massierte sich die Stirn. »Ach weißt du, das ist gerade nur wieder so eine Phase von ihr.« Sie zünde­te sich eine Zigarette an, nahm einen ersten Zug und blies den Rauch in die Küche. »Das geht schon eine ganze Zeit so.«

»Ach?«

»Ja. Aber als ich vor kurzem mit ihr in der Stadt war, sind wir an einem Flohmarkt vorbei gekom­men. Du weißt schon, so einem, wo die Leute ihren ganzen alten Plunder verkaufen.« Sie zog an ihrer Zigarette. »Ich hatte gedacht, die gäbe es heutzutage gar nicht mehr.«

»Hmm.« Eigentlich wollte Oskar nur die Papiere unterschreiben und verschwinden. »Dachte ich auch.«

»Na ja, wie auch immer. Plötzlich wollte sie auf je­den Fall unbedingt so eine schäbige alte Puppe ha­ben. Sie war von dem Stand überhaupt nicht mehr weg zu bekommen. Ein echt schräges Teil. Ge­hörte irgend so einer schludrigen alten Frau.« Corinna schüttelte den Kopf. »Zuerst wollte ich ihr die natür­lich nicht kaufen. Aber dann kam mir so eine Idee und ich habe ihr erzählt, dass die Puppe sie von jetzt an vor den bösen Monstern beschützt. Tja, und da­durch war es wirklich auch eine Zeit lang besser.« Ein Anflug von Stolz huschte über Corinnas müdes Gesicht – verschwand aber genau­so schnell, wie er gekommen war. »Ich hab wirklich keine Ahnung, warum sie gerade jetzt plötzlich wieder damit an­fängt.«

»Du weißt ja, wie Kinder sind«, sagte Oskar. »Ich hatte in ihrem Alter immer panische Angst vor klei­nen grünen Kobolden unter meinem Bett.« Er seufz­te, nahm sich die Papiere vom Küchentisch und be­gann in ih­nen zu blättern. »Aber wenn du genau weißt, dass sie das alles so aufregt, warum hast du sie dann heute nicht zu deinen Eltern gebracht?«

»Na, warum wohl?!«, blaffte Corinna und ohne dass Oskar es sich wirklich hätte erklären können, schien sie von einem auf den anderen Moment vor Wut regelrecht zu kochen. »Weil sie dich unbedingt sehen wollte!«

Oskar horchte auf. Allerdings nicht aufgrund von Corinnas Worten, sondern weil ihm war, als höre er das leise Getrappel kleiner Kinderfüße im Flur des Obergeschosses. Doch vermutlich hatten ihm bloß seine Oh­ren einen Streich gespielt. »Nun, das war ja wohl nicht gerade die beste Idee, oder?«, wandte er seine Auf­merksamkeit wieder dem Ge­spräch zu.

»Du!« Corinna machte einen schnellen Schritt auf Oskar zu. Offensichtlich hatte sie alle Mühe, ihren Zorn zu unterdrücken. 

Oskar hingegen blieb ruhig. »Ich was?«

»Du riesen Arschloch!«, rief sie. »Du verstehst wir­klich überhaupt gar nichts mehr!«

»Ich verstehe was nicht?«, fragte Oskar, trennte seinen Blick jedoch nicht auch nur für eine Sekunde von den Papieren, sondern schlug betont des­inter­essiert die nächste Seite auf. 

»Dass du schuld an allem bist! Dass dank dir ein­fach alles den Bach herunter geht! Dass deine kleine sieben­jährige Tochter deinetwegen oben in ihrem Zimmer liegt und in ihr Kissen weint, weil sie sich von ihrem Vater verlassen fühlt!«

Oskar schaute in Corinnas zornige Augen. Muss­te sie denn immer gleich so übertreiben? »Also, ich würde ja sagen, dass an einer gescheiterten Bezie­hung immer beide Parteien eine gewisse Mit­schuld tragen.« 

»Ach, ja?!« Corinna taumelte gespielt zwei Schrit­te zurück, als hätte man sie vor den Kopf ge­stoßen. »Und was wäre dann bitte meine Schuld, Mister Neunmalklug?! Vielleicht, dass ich mich je­den Tag um unsere Tochter gekümmert habe, währ­end du kaum mal zu Hause warst?«

»Bitte. Mach dich nicht lächerlich. Ich muss eben arbeiten.« Oskar hatte wirklich überhaupt keine Lust, all diese Dinge, die sie schon gefühlt eine Million Mal miteinander durchgekaut hatten, heute Abend noch ein weiteres Mal zu diskutieren.

»Es geht im Leben nicht immer nur um deine ver­fluchte Arbeit!«, schrie Corinna, der jetzt endgültig der Kragen zu platzen schien. »Du hast wirklich jede verdammte Möglichkeit dazu genutzt, dein scheiß Büro nicht zu verlassen! Wenigstens ab und zu hät­test du doch auch mal einen Abend mit uns ver­bringen können!«

»Ach, jetzt hör aber auf! Ich war immer da, wenn es für euch wichtig war.«

»Das ist eine glatte Lüge! Und das weißt du auch!« Corinna war dermaßen außer sich, dass sie erst bemerk­te, dass ihre Zigarette mittlerweile ganz ver­qualmt war, als die Glut ihre Finger erreichte. »Verdammt!«, rief sie, verzog ihr Gesicht und steckte den glimmenden Stummel in den Aschenbecher. »Du warst ja nicht ein­mal für mich da, als Julia ge­storben ist!«

Oskar warf seiner Frau einen flüchtigen Blick zu. »Jetzt fang bloß nicht wieder damit an. Es ging halt nicht. Außerdem…«

»Außerdem was?!«

Oskar hatte diese Diskussion in den letzten Jahren schon viel zu oft geführt, um noch jedes einzelne seiner Worte auf die Goldwaage zu legen. »Außerdem war das doch wohl eher Julias Problem als deines.«

Corinna starrte Oskar fassungslos und mit vor Zorn geweiteten Augen an. Erst nach einer Weile ergriff sie wieder das Wort. Ihre Stimme war jetzt leise und in ihre Worte mischte sich ein unterdrücktes Schluchzen. »Und du hast damals mit diesem Flittchen geschlafen«, presste sie zwischen ihren Zähnen hervor. »Nicht ich.«

Oskar blickte von den Papieren auf. Corinnas zornige Augen hatten sich inzwischen mit Tränen gefüllt. Er fragte sich, was sie nur für ein Problem hatte. Schließlich würde es ihr an überhaupt nichts fehlen! Seine mo­natlichen Unterhaltszahlungen wa­ren generös und vertraglich verbrieft auf eben jenen Seiten, die er gerade in der Hand hielt. Ja, sogar das große Haus, das sie sich ohne ihn nie im Leben hätte leisten können, war das ihre, solange sie zusammen mit Amelie darin wohnen wollte. Erst bei einem etwaigen Verkauf standen ihm fünfzig Prozent des Erlöses zu. In finanzieller Hinsicht konnte man sie als vollkommen sorgenfrei bezeich­nen. Was wollte sie denn schon mehr?

Oskar griff in die Innentasche seines Sakkos, zog einen Kugelschreiber hervor, legte die Papiere auf den Kü­chentisch und unterschrieb sie mehrmals an verschiedenen Stellen. »So. Damit wäre das erle­digt.« Er steckte den Kugelschreiber wieder ein und hielt Corinna die Papiere hin. »Und spare dir bitte in Zukunft diese alten Kamellen, ja?«

Corinna nahm die Papiere entgegen. Einen Au­genblick lang erweckte sie den Eindruck,als wüsste sie nicht, was sie dort in ihrer Hand hielt. Dann end­lich schien der Gedanke sie zu erreichen. »Raus!«, rief sie. »Mach bloß, dass du ver­schwin­dest!«